Samstag, 9. November 2013

Reisereportage: Zur inneren Quelle des Ganges




Nach über vier Monaten im Himalaya steuerte ich mein letztes Ziel an – die Quelle des Ganges. Ich saß im Bus nach Norden, um Rishikesh mit seinem unsäglichen New-Age-Kitsch hinter mir zu lassen und ein letztes Mal tief in die Bergwelt des Himalayas einzutauchen. Mit Vergnügen ließ ich die westlich geprägten Restaurants mit ihren (pseudo)esoterischen Gesprächsrunden, in denen wissend von der hochkomplexen Tanra-Philosophie und höheren Bewusstseinsebenen gesprochen wurde, und die Superlative, die mir an allen Ecken mit ihrem Botschaften von super-divine und xxl-divine die Freude an jeglicher Spiritualität verdarben, hinter mir, und freute mich auf den Frieden, den mir einsame Berglandschaften schenken.
Kurze Abstecher weg von den ausgetrampelten Pfaden haben oft den Charakter von Zeitreisen. Der Pilgerort Gangotri ist zwar ein beliebtes Reiseziel, aber die Saison war in ihren letzten Zügen. In Rishikesh hatten alle verwundert den Kopf geschüttelt darüber, was ich dort noch zu finden hoffte. In der nächsten Woche sollte ich nur einer Handvoll Touristen begegnen und ich blieb auf Distanz. Mit jedem Kilometer sank der Anteil der englischsprachigen Bevölkerung, und da mir nie gelungen war, Hindi zu lernen, blieb mir nur die nonverbale Kommunikation. Doch daran war ich längst gewöhnt. Ich hatte mich in den letzten Monaten wie im Rausch in immer entlegenere Winkel gewagt. Auch der einsetzende Winter hatte mich nicht aus den Bergen vertreiben können.
Nach der kulinarischen Vielfalt von Rishikesh bestimmten nun Samosas (mit Gemüse gefüllte Teigtaschen), Pakoras (verschiedene Gemüsearten in frittiertem Kichererbsenteig), Bananen und ein gelegentliches Chowmein (chinesische Nudeln) meinen Speiseplan. Dazu mein heißgeliebter Masala Chai. Über den aromatischen Tee hatte mich Indien zuallererst gepackt und in die Sucht getrieben; bis heute reicht sein Geruch, um mein Herz höher schlagen zu lassen. Schwarztee wird in Wasser und Milch erhitzt, dreimal kurz aufgekocht und mit Kardamom, Zimt, Ingwer, gemahlenen Pfefferkörnern, Muskat, Nelken, Lorbeerblättern und einer gehörigen Portion Zucker verfeinert.
Als wir Uttarkashi erreichten, wollte ich gleich wieder weg. Trotz einiger Indien-Erfahrung gibt es noch immer viele Orte, die mich einfach abstoßen. Eigentlich war der Ort in eine schöne Landschaft eingebettet, doch er schien zu einem reinen Verkehrsknoten und Handelsplatz verkommen zu sein. Die Moderne hatte die traditionellen Gebäude weitgehend aus dem Stadtbild geätzt.
Der Saftverkäufer sprach ungewohnt gutes Englisch und war auf Fremde eingestellt. Ich fragte ihn nach dem Permit für die Wanderung zur Eishöhle bei Gomukh – der physikalischen Quelle des Ganges. In Rishikesh hatte ich widersprüchliche Auskünfte erhalten. Er informierte mich, dass man nur noch hier in Uttarkashi ein Permit erhalten könne. Allerdings sei der Weg nach Gomukh nach den verheerenden Überschwemmungen in solch schlechtem Zustand, dass man auf Führer und Seile angewiesen war. Mein aktueller finanzieller Engpass machte fraglich, ob mein verbliebenes Geld für einen Führer reichen würde. Ohnehin wollte ich gerne allein wandern.
Der Mann verriet mir aber etwas, das mich aufhorchen ließ. In wenigen Tagen würde der Tempel in Gangotri mit einer Zeremonie für den gesamten Winter geschlossen. Ich würde also nicht zur physikalischen Quelle des Ganges vorstoßen – dafür konnte ich etwas über die innere Bedeutung des Ortes erfahren. So setzte ich meine Reise ohne Permit fort.
Der Bus nach Gangotri war selbst für indische Verhältnisse in einem verheerenden Zustand. Schon nach wenigen Kilometern machte der Anlasser Probleme, um kurze Zeit später vollständig zu versagen. Glücklicherweise verstanden sich der Busfahrer, sein Assistent und ein Passagier darauf, den Anlasser mit Hammer, Meißel und viel Improvisationskunst wieder zum Laufen zu bringen. Nach einer Stunde waren wir wieder auf der Straße.
Knapp viereinhalb Monate zuvor war es in Nordindien zu verheerenden Überschwemmungen gekommen. Den Ganges hatte es besonders hart getroffen. Ich war gerade in Delhi gelandet und hatte entsetzt die Bilder im Fernsehen verfolgt. Doch wir haben uns längst so stark an Schreckensmeldungen in den Nachrichten gewöhnt, dass sie uns oft kaum noch berühren. Die Bilder bleiben völlig abstrakt. Ganz anders ist das vor Ort: Die vorangegangene Katastrophe war am Zustand der Straße deutlich ablesbar. Ganze Hänge waren in die steile Schlucht abgerutscht, Bäume entwurzelt. An einigen Stellen konnte ich erahnen, wie gewaltig der Wasserpegel angeschwollen war. Mit Schaudern erkannte ich, dass der Fluss an Engstellen das gewaltige Tal fast zur Hälfte ausgefüllt hatte. Der Ganges hatte alles mitgerissen. 20.000 Menschen waren bei der Katastrophe ums Leben gekommen. Es war eine der Katastrophen unserer Zeit; Holzschlag, Erosion, rapide schmelzende Gletscher und immer extremere Wetterlagen.
Es war schon lange dunkel, als wir Gangotri erreichten. Vor einer einfachen Teestube saßen einige Männer vor einem lodernden Feuer, um sich in der bitteren Kälte zu wärmen. Einer bot mir ein Zimmer an. 

Gangotri ist eine der vier heiligsten Pilgerstätten im indischen Himalaya. Die anderen sind Yanumotri, Badrinath und Kedernath. Die schmalen Gassen von Gangotri sind von kleinen Devotionalienläden gesäumt. Der Haupttempel wurde im 18. Jahrhundert erbaut. 


Er beherbergt das Abbild der Göttin Ganga und erinnert an eine der wichtigsten Legenden des Hinduismus:
Der Dämon Bali hatte durch strenge Askese so viel Macht angehäuft, dass er die drei Welten (Himmel, Erde, Unterwelt) erobern konnte und die Götter aus dem Himmel vertrieb. Die nun heimatlosen Götter wandten sich an Brahma, den Schöpfer. Er riet ihnen, Vishnu, den Erhalter der Welt, aufzusuchen. Vishnu war bereit, den Göttern den Himmel zurückzuerobern. Er inkarnierte als Zwerg, besuchte Bali und bat diesen demütig um etwas Land, gerade so viel, wie er mit drei Schritten abmessen konnte. Bali war sofort bereit, dem Zwerg diesen Wunsch zu erfüllen, hatte er doch Land genug. Im dem Moment, als der Zwerg zum ersten Schritt ansetzte, wurde er größer und größer und durchmaß mit dem ersten Schritt die Erde, mit dem zweiten Schritt war er im Himmel und mit dem dritten füllte er die Unterwelt aus und zertrat Bali. Alle Bewohner des Himmels kehrten in ihre angestammte Heimat zurück.
Brahma wusch zum Dank Vishnus Fuß, als dieser den Himmel berührte, und fing das Wasser in einem Gefäß auf. Aus diesem göttlichen Nass entstand ein hübsches Mädchen, Ganga. Sie war ein reines Wesen führte ein fröhliches, unbeschwertes Leben. Doch dann machte sie einen fatalen Fehler: Dem Weisen Durvasa wurde das Gewand vom Leib geweht. Ganga lachte bei diesem Anblick so sehr, dass sie der Weise verfluchte. Ganga müsse den Himmel verlassen, um auf der Erde als Fluss den Menschen als Quelle zu dienen, in der sie sich von ihren Sünden reinwaschen konnten.
Ihre Zeit kam, als König Sagar ein rituelles Pferdeopfer darbringen wollte, das ihn zum Herrscher über die ganze Erde gemacht hätte. Der Kriegsgott Indra war um seine eigene Macht besorgt und entführte das Pferd. Er band es an einen Baum, unter dem der Weise Kapila meditierte. Als die 60 000 Söhne das Pferd dort auffanden, beschuldigten sie Sagar des Diebstahls. Der Weise erwachte aus seiner Trance und öffnete wütend über die falsche Anschuldigung seine Augen. Dabei vernichtete der Yogi die Söhne mit dem yogischen Feuerstrahl aus seinen Augen.
Der letzte verbliebene Sohn Ansuman bat Kapila um Erlösung für seine verfluchten Brüder, die auch im Jenseits keinen Frieden finden konnten. Kapila wies ihn an, durch Demut und Meditation Brahma milde zu stimmen, auf dass er Ganga vom Himmel auf die Erde entließ, wo sie ihre Strafe antreten sollte. Nur sie könne mit ihrer reinigenden Kraft den Fluch aufheben.
Viele Generationen mühten sich die Nachfahren vergeblich. Erst Baghiratha gelang es nach vielen Jahren der Askese, so viel innere Kraft und Verdienste anzusammeln, dass Brahma vor ihm erschien. Er war bereit, Ganga auf die Erde zu senden. Aber ihre herabstürzenden Wassermassen würden die Erde zerschmettern. Nur Shiva konnte ihre Kraft bändigen. Schließlich konnte Baghiratha auch Shiva nach Jahren der Askese am heiligen Berg Kailash überzeugen, ihm zu helfen. Als die Wassermassen Gangas herabstürzten, bremste der Gott den Aufprall mit seinen Haaren und ließ den Schwall über seine langen Flechten in sieben Strömen auf die Erde laufen. Ganga führte das reinigende Wasser an die Stelle, wo die Toten bestattet lagen, und erlöste sie. Seither fließt Ganga als heiligster aller Flüsse durch Indien, trägt sie doch die Energie aller drei Götter in sich.

Nacherzählt auf Grundlage von the life of Ganga von Harish Johari.


Vom Tempel führen Stufen hinab zum wichtigsten Ghat einer Plattform, von der man in den Ganges gelangt. Die Gläubigen waschen sich im eisigen Fluss des Ganges rituell und füllen Wasser in Kanister ab, die sie mit nach Hause nehmen.
Der Fluss heißt hier noch Bhagirathi nach dem König aus der Legende und wird erst bei Devprayag, wo er sich mit dem Alaknanda vereinigt, zum Ganges. Dennoch wird Gomukh („die Kuhschnauze“) als Quelle verehrt. Von dort aus unternimmt der Fluss seine lange Reise über die heiligen Stätten von Allahabad, Haridwar und Varanasi bis Kalkutta und in den Golf von Bengalen, wo er sich in den Indischen Ozean ergießt.

 

In Gangotri leben 600 Menschen. Inzwischen war der Ort jedoch fast völlig ausgestorben. Selbst die meisten Sadhus waren bereits in wärmere Gefilde abgewandert. Sie leben in Höhlen, Aschrams und einfachen Steinbehausungen in der Umgebung. Nur eine Handvoll dieser Asketen überwintert hier.




Am Tag nach meiner Ankunft wanderte ich in Richtung Gomukh.


Ich vermied bewusst den offiziellen Weg und lief für einige Zeit auf einem schmalen Pfad am Ufer flussaufwärts, bevor nichts übrigblieb, als einen steilen Grat zum Hauptweg hinaufzuklettern. Für kurze Zeit hoffte ich insgeheim, ich hätte einen Weg gefunden, der mich am Check Post vorbeigeführt hatte. Ich wollte wenigstens einen Teil der Strecke in Richtung Gomukh laufen. Doch nach 2 Kilometern stand ich vor dem Tor des Gangotri National Parks. Endstation. Wider besseres Wissen war ich enttäuscht.


In Gangotri war es eisig. Der Oktober ging gerade in den November über und der Winter stand bereits drohend vor der Tür. Die Sonne kam erst gegen 9.30 Uhr über das Felsmassiv direkt über Gangotri hinaus und verschwand bereits am frühen Nachmittag hinter dem nächsten Felsen. Diese Barrieren verhindern auch den direkten Blick auf den Gangotri-Gletscher und den Shivling. In der Bergsonne wurde es schnell heiß, aber schon am Nachmittag kühlte es empfindlich ab. Nachts herrschten Minusgrade und ich konnte den Hauch meines Atems im Zimmer sehen.
Ich hielt nach anderen Wanderungen in der Umgebung Ausschau. Viele Optionen blieben nicht; das gewaltige Tal war auf beiden Seiten von monumentalen Felsen eingerahmt – an den meisten Stellen zu steil, um nur an einen Aufstieg zu denken. Schließlich fand ich eine Route, von der ich mir einen Blick auf den Shivling erhoffte.

Ich lief den Ganges flussabwärts und betrat ein Seitental, das zu einem kleinen Gletscher hinaufführte. Herbststürme fegten durch den Wald. Im Schatten war es bitterkalt. Die Laubbäume hatten bereits einen Teil ihrer Blätter abgeworfen. Sie glitzerten in der Sonne in Gelb- und Orangetönen – die ersten hatten sich bereits rötlich verfärbt. In der klaren Bergsonne schien alles in einem fast übernatürlichen Glanz: das spärliche Gras leuchtete golden, der Himmel war kristallklar, die Nadelwälder tiefgrün. Der Schnee der nahen Gipfel reflektierte die Sonne in einer Intensität, dass meine Augen brannten. Im Tal rauschte der Fluss mit gewaltigem Tosen. Riesige Felsbrocken durchbrachen die Wälder. Die Kiefern verströmten den intensiv harzig-würzigen Geruch, den ich so liebe. Ich hatte als Kind viel Zeit in Wäldern verbracht, und der Geruch vermittelte mir ein vages Heimatgefühl. Die Kronen der Bäume waren meine Kathedrale. Es war wie in einem Märchen.  
Oberhalb des Pfades dominierten gewaltige, karge Felsformationen die Landschaft, und dort, wo Wasseradern im Fels verliefen, gediehen Bäume und Büsche an den widrigsten Stellen. Ich war immer wieder fasziniert, wie sich das Leben trotz aller Widerstände Bahn bricht.



Ich fand einen schmalen Pfad, der mich langsam höher führte. Silberbirken leuchteten am Wegesrand. Die Rinde schälte sich wie tausend Jahre alte Papyrusrollen. Der Weg wurde steiler, verlor sich im Geröll. Ich quälte mich an einer Steinmoräne entlang den Hang hinauf. Später kletterte  auf allen vieren über nackten Fels.
Langsam machte ich mir Sorgen, ob ich diesen Weg auch wieder hinunterkam. Aber das hatte mich noch nie abgehalten; einmal unterwegs, gab es für mich kein Zurück mehr. Mit großer Mühe kletterte ich bis zu einem kleinen Vorgipfel. Von dort aus konnte ich einen Blick auf die Spitze des Shivling erhaschen; höher kam ich nicht; alle weiteren Ambitionen waren nur mit ernsthafter Bergsteigerausrüstung oder grotesker Todesverachtung möglich. Gleich würde die Sonne hinter einem Felsen verschwinden. Besann mich auf das Jetzt und genoss den letzten schwärmerischen Blick auf die Bergwelt aus solch einer erhabenen Panoramaperspektive.

rechts oben erkennt man die Spitze des Shivling

Die Berge waren zu meiner Zuflucht geworden, ich fühlte mich in ihnen heimisch. Es war kein leerer Sehnsuchtsraum, sondern bewohnt von Menschen der unterschiedlichsten Herkunft und Religion. Längst waren die Berge nicht mehr so abgewandt von der Welt, wie sie einmal gewesen waren. Aber es fanden sich immer noch wenig berührte Gegenden, in denen sich etwas bewahrt hat, wonach ich suche: ein ursprüngliches, naturbasiertes Leben. In dieser Welt konnte ich atmen.
Ich dachte noch einmal an die letzten Monate, an die Wanderungen in den Bergwäldern von Manali, an die monumentalen Gipfel in den Bergwüsten von Ladakh, Zanskar, dem Nubra- oder Spitital und die lebensspendenden Flußoasen. Ich dachte an die Wanderungen, die mir alles abverlangt hatten und die mir zugleich ein tiefes Glücksgefühl verschafft hatten. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ich sie nun hinter mir lassen würde und vielleicht nie wieder sehen würde. Ich sehnte mich danach, irgendwann nicht mehr ständig Abschied nehmen zu müssen.
Der Abstieg war katastrophal. Keine gute Route für Menschen mit Höhenangst! Doch irgendwann hatte ich den Abstieg gemeistert und ging zurück in mein eiskaltes Zimmer, um mich unter zwei Decken zu verschanzen.


Am nächsten Tag wurde Divali gefeiert – das Lichterfest; es ist eines der wichtigsten Feste im indischen Kalender und markiert in Nordindien auch den Beginn des neuen Jahres. Kerzen und Öllampen brennen, Lichterketten flackern, Böller explodieren und Raketen ziehen dem Himmel entgegen. Vor dem vielfarbig illuminierten Tempel spendete der Tempeldiener einer Gruppe von Pilgern den Segen. Auch die kleineren Tempel strahlten in einem geradezu magischen Schein von buntem Licht und Kerzen. Auf dem Gelände spielte sich eine typisch indische Melange ab: Junge Männer zündeten gewaltige Böller und Raketen, die unkontrolliert in der kleinen Menge explodierten, Pilger machten der Göttin im Tempel ihre Aufwartung, eine Gruppe Tänzerinnen umrundete im Rhythmus einer Trommel den Tempel und wurde dabei von einem russischen Touristen mit der Kamera verfolgt. Er war außer mir der einzige Ausländer und hielt mit der Videokamera auf alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Die Mantras aus dem Lautsprecher und das Klingen der Tempelglocken komplettierten die mystische Atmosphäre.

 
Auch die anderen Tempel, die Shiva, Nandi, Hanuman und Ganesh gewidmet sind, strahlen in einem geradezu magischen Schein bunten Lichts und der Kerzen.


Am letzten Tag musste ich mein Zimmer am Morgen räumen; meine Matratze war der letzte Gegenstand, mit dem der Vermieter nach Uttarkashi entschwand. Schon die letzten Tage hatte ein kleiner Laden nach dem anderen geschlossen, und Jeeps, Pferde und Esel hatten alles abtransportiert, was nicht niet- und nagelfest war. Strom und Wasser waren bereits abgestellt. Alle zog es in tiefere Gefilde. Das war kaum verwunderlich. Im Winter musste es in Gangotri unglaublich kalt sein. Der Vermieter meines Zimmers hatte mir gezeigt, dass der komplette erste Stock seines Gasthauses unter Schneemassen versinken würde.
Nun stand das Highlight auf dem Programm – die Schließung des Tempels. Noch einmal kamen Besucher und Pilger aus Uttarkashi und der näheren Umgebung in den Ort, die der Zeremonie beiwohnen würden. Dennoch war nur eine überschaubare Anzahl von Menschen versammelt – kaum mehr als 250. Die Gottheit Ganga wurde auf einer Trage drapiert und reich geschmückt – mit leuchtenden Stoffen, Blumen, Kerzen und Essenzen. Alle behandelten die Göttin mit größter Ehrfurcht. Sobald sie den Tempel verlassen hat, wird sie als lebendige Göttin verehrt.



Ein Saddhu, der Lord Shiva nachfolgt.

 Die Armee hatte eine Kapelle abgestellt. Dudelsäcke werden für mich in Indien immer ein äußerst skurriles Bild abgeben – tatsächlich hat aber Pakistan Schottland in der Produktion von Dudelsäcken überflügelt. Von der benachbarten Kompanie wurden kostenlos Essen, Tee, Wasser und medizinische Versorgung bereitgestellt.


Dieses Bild ziert die indische Whiskey-Marke Bagpiper

Auch Lokalreporter, das Fernsehen und der Distriktmagistrat gaben sich die Ehre.


Ein letztes Mal konnte man den Tempel betreten. Dann wurde er mit einem Schloss verriegelt. Die Puja – das Gebetsritual der Hindus – zog die Menge ein letztes Mal auf den ausgelegten Teppich vor dem Tempel. Muschelhörner wurden geblasen. Der Tempelpriester schwenkte gesegnetes Wasser über uns – in diesem Moment verringerte sich meine Distanz zum Geschehen schlagartig und ich wurde vom Beobachter zum Teilnehmer. Ich fühlte mich ergriffen, als ich in den Augen einer Nonne deren Hingabe und Güte spürte, die sich ihrer beim Anblick der Göttin bemächtigt hatte. Eine Träne rollte über ihre Wange. Ich spürte unglaubliche Tiefe in diesem Moment. Als die Göttin auf ihrer Bahre hochgehoben und langsam über den Tempelplatz getragen wurde, war das wie eine Welle – der Moment, auf den alle gewartet hatten. Blumengirlanden flogen durch die Luft, eine Gruppe von Frauen sprang in Ekstase vor der Göttin auf und nieder. Eine ungewöhnlich starke Energie entlud sich über den Platz. In diesem Moment beschloss ich, die Prozession nicht wie geplant noch einige Kilometer auf ihrer Reise zu begleiten. Dies war mein Moment des Abschieds. Ich blickte auf den Fluss – die Quelle des Lebens – und warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf die Berge, die in den letzten Monaten mein ständiger Begleiter waren. Es war der richtige Zeitpunkt, um zu gehen.


Der Tempel würde nun für 6 Monate geschlossen bleiben. Ganga würde die nächsten zwei Tage nach Mukhba getragen, wo sie – wie die Bewohner von Gangotri – in tieferen Gefilden überwintert. Erst im April würde die Göttin wieder in den Tempel einziehen. Dann erwacht auch Gangotri zu neuem Leben.



Weiterführende Links: 



Reisereportage: Varanasi sehen und sterben - über das Leben, die Liebe und den Tod... 

"Ich hatte gehörigen Respekt vor der Begegnung mit dem Tod an den Verbrennungsstätten am Ganges. Der Tod ist ein besonders wichtiges Thema in meinem Leben – kein Einfaches. Und so hat es lange gedauert bis ich die Stadt des Lichtes und des Todes aufgesucht habe. Nun hoffte ich, bereit zu sein..." 





 



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"Ich hatte nach einer Herausforderung gesucht und mich für einen wenig begangenen Trek über den Kanji-La von Ladakh nach Zanskar entschieden. Es war das erste Mal, dass ich mit Zelt, Kocher, Vorräten unterwegs war. Es sollte ein unvergessliches Abenteuer werden und mich bis jenseits der letzten Reserven fordern…"

  


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